wache

der seeschwalbe gruß

hell über uns

und nichts mehr

das unseren schlaf stört

wer gebot den zikaden

zu schweigen?

im garten

weil es noch so früh ist

war der platz nicht besetzt

dort ist die stelle

da hat er sich eingenistet

er ist nie mehr ausgeflogen

aber auch ich

habe meine nester

hier in diesen feinen härchen

wo alle kind sind

Liebe Großmutter

Als ich letzthin gefragt wurde, wie alt Du geworden seist, konnte ich es nicht sagen. Ich wußte es nicht. Und in diesem Moment merkte ich, daß ich mir nie überlegt hatte, wie jung oder alt Du bist. Ich habe für Dich kein Alter, keine Zahl. Du bist für mich, seit ich denken kann, die Frau mit dem weißen Haar. Ich erinnere mich an eine Fotografie von Dir vor einer schneebedeckten Bergkulisse. Dein Haar verwandelt sich in leuchtenden Schnee, dein glänzendes Haar wird zur reinsten Winterpracht.

Du bist im Herbst auf diese Welt gekommen und, pünktlich, mit dem Einbruch des Herbsts bist Du wieder gegangen. Mir kommt es vor, als seist Du verreist, um die nötigen Vorarbeiten für den kommenden Winter zu treffen, um später mit Holz und Eingemachtem zu uns zurückzukehren. Für mich bist Du die Frau mit dem weißen Haar, die Winterfrau, das große Schneelicht. Ich habe gelesen, daß anderswo die gute Frau Holle den Namen Frau Percht hat. Das bedeutet «die Glänzende». Das gefällt mir, Frau Percht. Das passt zu Dir. Zu dem Schnee und der Stille, die Du trägst.

Die Erinnerung an Dich ist still. Sie ist wie von Schneekristallen bedeckt und den ersten Anzeichen von Schneeglöggli. Bei dir gibt es nur wenige Worte. Die Worte, die ich von Dir weiß, sind Blumennamen. Für mich bist Du die Winterfrau – und die beste Freundin der Frühlingsfrau, denn Du kennst jede Blume beim Namen. Die Blumen rufst Du beim Namen, sonst sprichst Du wenig.

Deine Hände sind es, die sprechen. Durch den zähen Brotteig, den Du weichknetest, sprichst Du. Und durch die gebackenen Brotlaibe, bei denen Du anklopfst, als wäre jedes Brot eine Tür und hinter jeder Tür eines schüchternen Wesens Daheim – auch durch sie sprichst Du. Und Du wartest. Du hast Zeit. Erst wenn die Brote ihre Zustimmung geben, nimmst Du sie aus dem Ofen und legst sie zum Auskühlen in eine Reihe. Der Kellersims ist unsere Bühne, die Sonne unser Scheinwerfer. Ich bin noch klein, aber so stolz auf unsere grossen Brote. Ich bin stolz auf Dich. Und wenn die Brote vor uns Nasen hätten, so würde man ihnen am Nasenspitz ansehen, daß auch sie mächtig stolz sind – auf die Frau mit dem weißen Haar, auf die Winterfrau, die «Glänzende».

sieben jahre

da ist die zeit

reif das wort, du

wirst die welt

es reibt sich

die sprache

an allen wunden

schadet und schafft

bis der seele

unaufschiebbarer

funke stäubt

Der Wurm

In seiner eigenen Bewegung gründende Identität. Sich in Verwesung Windender, langsam Ringender, der ganzen Länge nach durch den Boden sich stoßendes Wesen. Verstoßene Kreatur.

Nüchternes Nacktsein, chthonische Sinnlichkeit, radikale Erfahrung von Materie. Aussuchender und Aufsuchender von Körpern. An harthölzernen, fleischig-weichen Leibern sich labend. Dem Sterben einen Körper gebend.

Amselglück, Fischköder. Bekundung des Lebens vor und nach dem Tod. Zersetzer, Übersetzer. Versetzer von Diesseits und Jenseits. Gewebefäden des Kosmos. Den Tod Abstoßender. Kriechender Grenzverstoß.

Zum Zeichen sich Zusammenziehender, zur Zeichnung sich krümmend. Kalligraphie der Vergänglichkeit. Hineinkriechend in den Spiegel der Vanitas. Den Krankheits-dämonen Gestalt leihend. Hinauskriechend. Aus Därmen und Schädeln zurück ins Erdreich.

The Worm

Identity inherent in movement. Writhing in decay, a sluggish contortionist, thrusting itself through the earth. A creature outcast.

Stark nakedness, chthonic sensuality, radical experience of matter. Seeker and scavenger of corpses. Gorging on bodies stiff as boards, soft and succulent. Rendering a corpse unto death.

Blackbird’s delight, fish bait. Manifestation of life before and after death. Decomposer, transporter. Dispatcher from this world to the next. Cosmic threads. Repeller of death. Creeping intruder.

A symbol of locomotion, stretching and contracting. Calligraphy of transience. Inching into a Vanitas mirror. Giving shape to the demons of disease. Crawling. Out of entrails and skulls and back into the earth.

Winter

wenn die Schwere und Schwebe

der Bäume an meine Seite tritt

wenn Erinnerungen für den Frühling

gesät werden, andere eingewintert

wenn Du Teil meines Kissens wirst

und ich Die-mit-der-Flasche-schläft

wenn alles klein wird

außer die Ruhe, mit der wir ringen

wenn das Alte und das Neue

beieinanderliegen, Junge werfen

wenn die Tür ein Draußen bekommt

wo Katzen warten vor einem Innen

wenn jeder feste Fuß, jede heiße Haut

das weiche Weiß verletzt

wenn die Empfindung des Ersten

das Letzte wird, und die Enden gültig

wenn nachts Feuer geschürt

und Gottesfettreserven befühlt werden

wenn das eintrifft

wird Winter sein

raupen

ich habe

deine stirn geküsst

als du noch schliefst

 da bist du

ein stück weiter

zum bettende

gerutscht

gott hat

einen großen körper

wir können nicht

herausfallen

sagst du

nest

hier gezupft, verschiebt sich

dort die feder, da das haar

das kleinste groß, dunkelroh

meine wärme – nichts für dich

ich brauche sie für jedes wort

mein einziger flaum, du

letztmögliche liebe zur welt